BEOGRAD LOVESTORY
Zwischen Rakia, Rauch und Realität
Dass ich gerne reise und versuche, so viel unterwegs zu sein wie nur möglich, ist kein Geheimnis. Noch weniger ein Geheimnis ist, dass ich nichts mehr liebe, als beim Reisen wirklich einzutauchen. Nicht nur Orte abhaken, sondern bleiben. Zuhören. Beobachten. Teil werden – zumindest für einen Moment.
Als mich meine gute Freundin und begnadete Künstlerin Diana aka „Madama Buraka“ gefragt hat, ob ich sie nach Belgrad begleiten möchte, gab es genau zwei richtige Antworten: „JA“ und „wann?“. Eingeladen wurden wir von niemand Geringerem als Vladimir „Boogie“ Milivojevich – einer der prägendsten Streetfotografen unserer Zeit. Sechs Tage Belgrad, zwei Mädels, Kameras und keinen Plan. Mehr brauchte es nicht.
Abgeholt wurden wir von Boogie selbst am Flughafen „Aerodrom Nikola Tesla Beograd“. Kein großes Hallo, kein Programm – einfach los. Unser erstes Gefühl von Ankommen war als wir mit dem Taxi an den wohl berühmtesten Gebäude Belgrads vorbeifuhren: die Кула Генекс Kula Geneks, auf Deutsch: Die Gemex-Türme. Wir waren hyped!
Er zeigte uns seine Stadt und wir ließen uns treiben. Zufälligerweise lag unsere Unterkunft keine fünf Minuten Fußweg von seinem Zuhause entfernt, was bedeutete: Belgrad aus erster Hand. Die Stadt trägt eine unglaublich dichte, rohe Atmosphäre in sich. Dazu unfassbar gutes Essen, ehrliche Menschen und ein Sicherheitsgefühl, das man nicht erklären kann, egal zu welcher Uhrzeit.
Viele Nächte verschwammen ineinander. Getränkt in Rakia, schwer von Zigarettenrauch (eigentlich rauch ich nie, ja), begleitet von den brutal ehrlichen, manchmal absurden Anekdoten eines Künstlers, der mehr gesehen hat als die meisten von uns. Es war unbeschreiblich inspirierend. Die persönlichen Highlights fanden nicht draußen statt, sondern drinnen: in Boogies Wohnung. Wir verschlangen seine Bücher, fragten ihn aus über Reisen, Städte, Scheitern, Bilder und lernten ein paar seiner Leute kennen. Und irgendwann lagen da ein Kameragurt von Boogie und zwei signierte Bücher (omfg).Unfassbare Dankbarkeit. Vor allem für dich, liebe Diana!! Wir haben uns mal wieder bewiesen, dass wir überall die besten Motive und Locations finden und pushen uns gegenseitig.
Belgrad selbst fühlte sich an wie ein permanenter Kontrollverlust im besten Sinne. Ob eingeschlossen in einer gekaperten, ikonischen Belgrader Tram, bei einem völlig spontanen Editorial-Shoot mit einer Kleiderausleihe für Abendroben oder im Gespräch mit den bedingungslosen Taubensympathisanten der Stadt – nichts war geplant, alles passierte. Wir landeten sogar auf einer riesigen Beerdigung auf Belgrad's größtem Friedhof. Genauso random, wie das klingt, war es auch. Chaotisch, direkt, manchmal absurd. Und genau darin lag die Schönheit. Belgrad will nicht unbedingt verstanden werden. Diese Stadt will, dass du bleibst, hinschaust und dich treiben lässt.
Ich will nicht zu viel erklären. Manche Erfahrungen müssen nicht ausgesprochen werden, schon gar nicht in einem Fotoblog. Manche Dinge wirken am besten, wenn man sie sieht.
Kontext:
Fotografiert habe ich sowohl digital mit meiner Sony und dem Profoto A10X Blitz als auch analog mit meiner Olympus Superzoom (die ich zum ersten mal genutzt habe und ein 20 Jahre alter Film noch halbvoll eingelegt war), auf Schwarzweißfilm und Kodak Gold 200. Leider scheinen meine Filme unter den Scannern der Flughafen-Sicherheitskontrollen etwas gelitten zu haben, aber vielleicht passt selbst das ganz gut zu dieser Geschichte.
Auf viele weitere (Balkan)Stories.
Mit vollem Herzen
Paulina